Kultur

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Kultur (Lat. cultura, „Bearbeitung“, „Pflege“, „Ackerbau“, von colere, „wohnen“, „pflegen“, „den Acker bestellen“) ist die Gesamtheit der geistigen gemeinschaftlichen Leistungen und gemeinsame Definitionsgrundlage eines Volkes. Eine entwickelte Kultur ist untrennbar verbunden mit den Begriffen Moral, Ethik, Sitte.

Jede Kultur wird durch Raum und Klima unterschiedlich geprägt und differenziert und wächst aus dem eigenen Boden ihres Volkes empor.

Im Prozeß der Kultur werden überlieferte und vorbildliche Ausdrucksformen der Nachwelt übergeben. Sie setzen den Maßstab, der die Weiterentwicklung einer Volkskultur begleitet und den Überlieferungsabbruch verhindert.

Die Vielfalt der gewachsenen Kulturen kann nur aufrecht erhalten werden, wenn jedes Volk seine Eigenart in Erscheinung und Substanz erhalten kann und darf. Kultur ist nicht verstandesmäßig gesteuert (→ implizite Rationalität), sondern kommt aus dem Unterbewußten. Die Kultur ist nicht nur überliefertes Altes, sondern das Lebendige in uns. Das bedeutet aber nicht, daß von einer Gleichwertigkeit der Kulturen und Völker gesprochen werden könnte. Kultur trennt ja gerade Menschen, die ihre typische und notwendige gegenseitige Fremdheit im Kulturschock erfahren.

Kulturen können auch zugrunde gehen, sie müssen sich im Lebenskampf bewähren, um ihr Lebensrecht als Volk zu erringen. Die kulturellen Leistungen eines Volkes sind die Dokumente zum Nachweis dieser Lebensrechte.

Weitere Definitionsmöglichkeiten

William James Durant gibt in seinem monumentalen Werk „Kulturgeschichte der Menschheit“ folgende Definition. Dieser Kulturbegriff spart prähistorische Kultur aus (und ist damit unvereinbar mit dem gegen „tote, alte, weiße Männer“ gerichteten egalitären und linksfeministischen Kulturbegriff, der heute an Universitäten gelehrt wird):

  • Kultur ist soziale Ordnung, welche schöpferische Tätigkeiten begünstigt. Vier Elemente setzen sie zusammen: Wirtschaftliche Vorsorge, politische Organisation, moralische Traditionen und das Streben nach Wissenschaft und Kunst. Sie beginnt, wo Chaos und Unsicherheit enden. Neugier und Erfindungsgeist werden frei, wenn die Angst besiegt ist, und der Mensch schreitet aus natürlichem Antrieb dem Verständnis und der Verschönerung des Lebens entgegen.

Nach Albert Schweitzer ist Kultur „Fortschritt, materieller und geistiger Fortschritt der einzelnen wie der Kollektivitäten“. Der Fortschritt bestehe „zunächst darin, daß für die Einzelnen wie für die Kollektivitäten der Kampf ums Dasein herabgesetzt“ werde. Letztes Ziel der Kultur ist nach Albert Schweitzer „die geistige und sittliche Vollendung des Einzelnen“:

  • Der Kampf ums Dasein ist ein doppelter. Der Mensch hat sich in der Natur und gegen die Natur und ebenso unter den Menschen und gegen die Menschen zu behaupten. Eine Herabsetzung des Kampfes ums Dasein wird dadurch erreicht, daß die Herrschaft der Vernunft über die Natur sowohl wie über die menschliche, stinkende Natur sich in größtmöglicher und zweckmäßigster Weise ausbreitet. Die Kultur ist ihrem Wesen nach also zweifach. Sie verwirklicht sich in der Herrschaft der Vernunft über die Naturkräfte und in der Herrschaft der Vernunft über die menschlichen Gesinnungen.“ (Albert Schweitzer, Kultur und Ethik)

Prinzipiell wird Kultur verstanden als Dreiklang von Kunst, Religion und Wissenschaft. Im engeren Sinne lassen sich die folgenden Bereiche unterordnen: Sprache, Ethik, sowie die Funktionen der Gesellschaft Religion, Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft und Rechtsprechung. Die interkulturelle Kommunikation versteht unter Kultur ein gültiges Sinnsystem oder die Gesamtheit der miteinander geteilten verhaltensbestimmenden Bedeutungen.

Wissenssoziologisch könnte man eine Kultur auch als das einem Kollektiv gemeinsame „Wissen“ kennzeichnen, das heißt als die im Bewußtsein seiner Mitglieder verankerten Erwartungen hinsichtlich üblicher Verhaltensweisen, Werthaltungen, sozialer Deutungsmuster und Weltbilder die von Kulturschaffenden entwickelt und zu Allgemeingut wurden. In Anlehnung daran entwickelten Anthropologen und Semiotiker wie Geert Hofstede oder Edward T. Hall sogenannte Kulturmodelle, mit deren Hilfe sie kulturelle Denkmuster charakterisieren und schematisieren.

Johann Wolfgang Goethe ging sogar soweit, daß in seinem Kulturbegriff „weder die Kleidung noch die Ess- und Trinkgewohnheiten, weder die Geschichte noch die Philosophie, weder Künste noch die Wissenschaft, weder die Kinderspiele noch die Sprichwörter, weder das Klima noch die Landschaftsformen, weder die Wirtschaft noch die Literatur, weder das Politische noch das Private noch der Hinweis auf ‚Schäden durch Abholzung der Berge’ fehlen.

Verschiedene Definitionen des Begriffes spiegeln verschiedene Theorien der Bewertung und des Verständnisses menschlichen Tuns wider. 1952 haben Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn eine Liste von über 200 verschiedenen Definitionen in ihrem Buch (Culture: A Critical Review of Concepts and Definitions) zusammengetragen.

In der nordamerikanischen cultural anthropology (der in der englischen Sozialwissenschaft die social anthropology entspricht) wird culture (Kultur) oft gleichbedeutend mit society (Gesellschaft) benutzt (vor allem bei Stammesgesellschaften, vergleiche Anthropologie, Ethnologie und Soziologie).

Tradition und kulturelles Gedächtnis

Menschliche Gesellschaften sind für ihr Überleben und ihre Bedürfnisbefriedigung auf ihre kulturellen Fähigkeiten angewiesen. Damit diese auch folgenden Generationen zur Verfügung stehen, muss eine Generation ihre Praktiken, Normen, Werke, Sprache, Institutionen an die nächste Generation überliefern. Diese Traditionsbildung ist als anthropologisches Grundgesetz in allen Völkern anzutreffen.

Artikel aus dem staatspolitischen Handbuch


Quelle Folgender Text stammt aus dem Staatspolitischen Handbuch, Band 1: Begriffe.

Kultur ist ein Begriff, der gleichzeitig in einem deskriptiven und einem normativen Verständnis gebraucht wird; häufig gehen beide Auffassungen durcheinander, was die Schärfe von Kulturdebatten erklärt.

Im deskriptiven Sinn steht K. für jede spezifisch menschliche Leistung, die nicht auf »Natur«, also die biologische Ausstattung und das biologische Erbe des Menschen, zurückgeführt werden kann. K. ist dann die Folge der »Sonderstellung« (Max Scheler) des homo sapiens, den ein Mangel an Instinkten und Körperkraft dazu zwang und den sein Intellekt dazu befähigte, eine »zweite Natur« zu schaffen, eben die K., die mit ihren Institutionen und ihrer Ideologie (Weltanschauung) imstande ist, Umwelt- und Verhaltenssicherheit zu erreichen, die dem Menschen sonst versagt bliebe.

Im deskriptiven Verständnis ist alles K., was den genannten Kriterien genügt, es gibt keine prinzipiellen Unterschiede zwischen Kopfjägern auf Neuguinea und China in der Zeit der Ming-Dynastie. Wenn die Anhänger des von dem Völkerkundler Franz Boas entwickelten »Kulturrelativismus« daraus folgern, daß es auch keinen Wertunterschied zwischen den verschiedenen K. gebe, so ist dieser Standpunkt allerdings nur sehr schwer durchzuhalten. Das hat vor allem damit zu tun, daß Kulturrelativismus von Boas und seiner Schule immer mit der Annahme eines universalen Wertekanons verknüpft wurde. Ein innerer Widerspruch, der von anderen – etwa den Verfechtern des »Ethnopluralismus« (Henning Eichberg) – vermieden werden konnte, die dann aber vor dem Problem standen, ihre politischen Vorstellungen, für die Machtfragen eine Rolle spielen mußten, mit der Idee eines schiedlich-friedlichen Nebeneinanders ver­schiedener K. auszugleichen.

Wirklich überzeugend gelang das nicht, denn Neutralität in einer so wichtigen wie der Kulturfrage bleibt unmöglich. Insofern ist auch die heutige Kritik des »Eurozentrismus« als »kulturalistisch« in erster Linie ein modisches Phänomen, das man kaum ernstnehmen muß. Die faktische »Europäisierung der Welt« (Hans Freyer) und die faktische Überlegenheit der westlichen K. zumindest in technischer Hinsicht hat dazu geführt, daß die seit dem 18. Jahrhundert durchgesetzte Bewertungsskala, die an oberster Stelle mit der Hochkultur beginnt, die über Arbeitsteilung, Machtzentrale, feste Gebäude und Schrift verfügt, und bei den Primitiven endet, die niemals die Neolithische Revolution vollzogen, sondern weiter als Jäger und Sammler leben, nach wie vor in Geltung ist.

Neben dieser im Grunde allgemein anerkannten Differenzierung von K. gibt es noch zwei andere, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden müssen. Zuerst die im deutschen Sprachraum verbreitete Scheidung zwischen einer – vitalen – »K.« und einer – dekadenten – »Zivilisation«. Diese seit der Aufklärung, mit besonderem Nachdruck aber im Kontext der Deutschen Bewegung entwickelte Denkfigur trug dazu bei, Modelle einer organischen Entwicklung von (Hoch-)Kulturen zu entwickeln, die diese mit Lebewesen verglichen, die geboren werden, erblühen und absterben. Oft spielte dabei der Gedanke mit, daß K. »fensterlose Monaden« (Oswald Spengler) seien, also vollständig abgeschlossen und unfähig miteinander zu kommunizieren. Nachdem diese Auffassung in der letzten Nachkriegszeit wegen ihrer politischen Implikationen scharf zurückgewiesen wurde, hat sie – und damit ist auf den zweiten Aspekt verwiesen – angesichts des veränderten Charakters der Großkonflikte am Ende des 20. Jahrhunderts eine Renaissance erfahren. Samuel Huntingtons These vom »clash of civilizations« – dem »Zusammenstoß der K.« – geht jedenfalls auch davon aus, daß K. Gesamtsysteme sind, die über eine Kern­identität (Identität) verfügen, die im Falle wirklicher oder eingebildeter Bedrohung zu außerordentlicher Kampfbereitschaft führt.

Huntington hat damit gegen die optimistischen Erwartungen im Hinblick auf die Globalisierung und die naive Annahme, daß Kapitalismus (Markt) und/oder Erziehung eine friedliche »multikulturelle« Welt erzeugen würden, wieder deutlich gemacht, daß K., geprägt durch »Einheit des Stils« (Friedrich Nietzsche), ein nicht hintergehbarer politischer und historischer Faktor ist.

Zitate

  • „Es gibt aber nun einmal kein stolzeres Dokument für das höchste Lebensrecht eines Volkes als dessen unsterbliche kulturelle Leistungen.“Adolf Hitler
  • „Kultur ist das Ergebnis der schöpferischen Auseinandersetzung von Menschen und Menschengruppen mit ihrer eigentümlichen Umwelt. Sie ist ein geschichtlicher Vorgang, in dem alle Lebensbereiche einbezogen sind. Durch Kultur werden zwischenmenschliche Normen festgelegt, die das Zusammenleben regeln. Kultur ist das Bindeglied, das Einzelmenschen zu Gemeinschaften verschweißt.”Jörg Hähnel
  • „Kultur ist ihrem Wesen nach ein über Jahrhunderte gehendes Herausarbeiten von hohen Gedanken und Entscheidungen, aber auch ein Umgießen dieser Inhalte zu festen Formen, so daß sie jetzt, gleichgültig gegen die geringe Kapazität der kleinen Seelen, weitergereicht werden können, um nicht nur die Zeit, sondern auch die Menschen zu überstehen.“ — Arnold Gehlen
  • „Denn Kultur ist ein ›Gewächs‹. Je vollkommener eine Nation die Kultur repräsentiert, zu deren vornehmsten Schöpfungen immer die Kulturvölker selbst gehören, je entschiedener sie im Stile echter Kultur geprägt und gestaltet ist, desto reicher ist ihr Wuchs gegliedert nach Stand und Rang, mit ehrfurchtsgebietenden Distanzen vom wuzelhaften Bauerntum bis hinauf in die führenden Schichten der städtischen Gesellschaft. Hier bedeuten Höhe der Form, der Tradition, Zucht und Sitte, angeborene Überlegenheit der leitenden Geschlechter, Kreise, Persönlichkeiten das Leben, das ›Schicksal‹ des Ganzen.“Oswald Spengler[1]

Siehe auch

Verweise

Literatur

Fußnoten

  1. In: Jahre der Entscheidung, 45.-60. Tsd., C.H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, München, Seite 63
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